Mein Weg zum Herzkind Drucken E-Mail

 von Sam Jolig

Sehr gespannt war ich, die ich seit 1997 mit Adoptionsbewerbern arbeite, auf das Buch „Mein Weg zum Herzkind“. Bereits der Untertitel machte mich nachdenklich. „Adoption leichter als Sie denken“. Mit einem sehr jungen Säugling auf dem Cover und der Bemerkung „Mit vielen praktischen Hinweisen“ zieht dieses Buch sicherlich die Beachtung vieler Adoptionsbewerber auf sich.

Die Idee, Bewerber zu ermutigen, finde ich sehr gut. Denn in den deutschen Jugendämtern werden Bewerber nur allzu oft abgeschreckt mit Bemerkungen wie „zu alt, zu viele Bewerber, chancenlos, zu weit weg“, weil die Sachbearbeiter nicht genug Zeit haben, allen Bewerbern gerecht zu werden.

In der ersten Hälfte dieses Buches geht es oft um die „Machbarkeit“ von Adoptionen, nicht aber darum, ob es für ein Kind immer sinnvoll ist. Im Kapitel „Anders geht es auch“ wird über Singleadoption, gleichgeschlechtliche Adoption und Adoption durch ältere Bewerber locker berichtet. Sicherlich kann im Einzelfall über all diese Konstellationen nachgedacht werden, aber adoptiert sein kann ein Stigma sein und da sollte man mit weiteren Belastungen für ein Kind sehr vorsichtig umgehen. Zwei Mütter zu haben z. B. finden diese Mütter normal und vermutlich auch deren Umfeld. Dies schützt aber nicht vor Verletzungen durch Außenstehende, die so fortschrittlich noch nicht denken. Bei der Adoption durch eine/n Single ist zu bedenken, dass es Phasen im Leben von Adoptivkindern gibt, die heftig verlaufen und in denen Eltern froh sind, nicht alleine mit dieser Belastung zu sein. Gerade in der Pubertät wird es oft viel schwieriger und diese Belastungen werden schwerer zu tragen, wenn man älter oder alleine ist.

Sam Jolig verallgemeinert an der einen oder anderen Stelle ihre eigenen Erfahrungen. So ist die Adoptionspflegezeit nicht unbedingt ein Jahr. Ich kenne einige Fälle, bei denen die Adoption bereits vor 1 Jahr rechtswirksam wurde. In vielen Fällen dauert diese Phase um einiges länger. Frau Jolig redet im Bezug auf die Adoptionspflegezeit immer von „ihrem“ Kind (Kind der Adoptionspflegeeltern). Es ist zu diesem Zeitpunkt aber noch das Kind anderer Eltern. Dass für den Vormund das Wohl des Kindes an erster Stelle steht, kommt für mich zu kurz. Es geht nicht darum, Adoptivpflegeeltern ihre Inkompetenz zu beweisen, sondern es geht darum, sorgsam vorzubereiten, dass ein Mensch komplett seine Identität ändert. Das braucht Zeit. Offener und vertrauensvoller Umgang mit dem Jugendamt und dem Vormund scheint Frau Jolig weniger wichtig als allein der Gedanke, dass Kind behalten zu wollen. Außerdem wird behauptet, dass nach Adoptionsbeschluss kein Vormund und Jugendamt mehr über das Kind entscheidet. Das ist zwar bezogen auf Vormund und Jugendamt zunächst so richtig. Die Anfechtungs- und Aufhebungsgründe werden aber nicht benannt.

Es wird herausgestellt, dass man als Adoptiveltern nach erfolgter Adoption alle Rechte hat. Man muss z.B. dem Jugendamt keine Auskünfte mehr geben oder ist bei offener Adoption nicht mehr an die Absprachen mit den anderen Beteiligten gebunden. Dabei wird in der ersten Hälfte des Buches nicht hinterfragt, ob das für das Kind gut ist und wie es später auf das Kind wirkt, wenn so gehandelt wurde.

Im Kapitel „Die drei Formen von Adoption“ spricht die Autorin von „anonymer Adoption“. Anonym bedeutet: nicht identifizierbar. Der Begriff anonym ist bei den meisten Adoptionen fehl am Platz. Außer bei Findel- und Babyklappenkindern sowie anonymen Geburten ist zumindest die Mutter identifizierbar, nur wird ihre Identität zunächst nicht preisgegeben. Mit dem Adoptionsbeschluss aber erfahren Adoptiveltern die bekannten Daten der Mutter. Die leibliche Mutter erfährt jedoch nicht die Identität der Adoptiveltern (Inkognito).

In der zweiten Hälfte werden Vorbereitungskurse und Fragebogen und der Umgang damit gut beschrieben.

Erstaunlich, dass zu Beginn des Kapitels „Wichtige Adressen“ am Ende des Buches sieben Seiten Adressen von Kinderwunschkliniken stehen. Wer sich ernsthaft mit dem Thema Adoption beschäftigt, sollte mit dem Thema künstliche Befruchtung abgeschlossen haben.

Man weiß am Ende des Buches zwar, dass Frau Jolig in einer Patchworkfamilie lebt, wie aber der Adoptivvater der Kinder zu den Kindern steht und wie die Kinder damit umgehen, bleibt unbeleuchtet. Überhaupt gewinnt man den Eindruck, dass es nur die Kinder von Frau Jolig sind. Abbrüche jeglicher Art stellen für Adoptivkinder immer eine schwere Belastung dar, dessen sollten sich die Beteiligten klar sein.

Mein Fazit zu diesem Buch:

Es geht mir in der ersten Hälfte des Buches zu viel um das Wohl der Bewerber und zu wenig um das Wohl des Kindes. Es geht an einigen Stellen um Machbarkeit nicht um Sinnhaftigkeit. Es geht darum Chancen zu wahren, dafür wird ein ehrlicher und offener Umgang z.B. mit dem Jugendamt manchmal in Frage gestellt.

Die Informationen sind zum Teil zu ungenau, die Formulierungen nicht immer verständlich. Die Autorin verallgemeinert ihre eigenen Erfahrungen, was einem Blick auf die Adoptionsszene der letzten Jahre nicht immer Stand hält.

Gegen Ende des Buches springt die Autorin zwischen den Geschichten ihrer beiden Kinder hin und her, was für mich verwirrend ist.

Es geht in dem Buch aber auch darum, Bewerbern Mut zu machen, das ist ein positiver Aspekt dieses Buches.

Als erwachsene Adoptierte und seit 20 Jahren mit dem Thema intensiv Befasste, sehe ich einige Aspekte dieses Buches ziemlich kritisch und käme gerne mit der Autorin darüber ins Gespräch.

(eine Adoptierte und mit dem Thema Befasste)

Eine Adoptivmutter schreib zu diesem Buch:

Das Buch „Mein Weg zum Herzenskind“ liefert Menschen, die sich um ein Adoptivkind bewerben (wollen) einerseits viele wichtige Informationen und lässt sie andererseits an den subjektiven Erfahrungen der Autorin teilhaben.

Positiv finde ich, dass die Autorin deutlich macht, wie wichtig es ist, dass man seine eigene Situation gründlich reflektiert und verarbeitet, bevor man sich auf den Bewerbungsprozess einlässt. Auch ihre wertschätzende Einstellung gegenüber den Herkunftsfamilien, die Betonung der Wichtigkeit von Bewerberseminaren und ihre Gedanken zur „Aufklärung“ des Adoptivkindes über seine Situation gefallen mir.   
Negativ fiel mir hingegen die geschäftsmäßige Sprache der Autorin auf – wenn sie z.B. über die „Telefonakquise“ bei Jugendämtern schreibt, oder wenn sie Tipps gibt wie z.B. „…lassen Sie Fachwissen blitzen“, „…kleiden Sie sich angemessen“ (beim Gespräch mit Mitarbeitern des Jugendamts), „ Hätte ich nicht diesen Vorbereitungskurs besucht, wäre ich sicher nicht so schnell erfolgreich gewesen“  klingt das für mich, als ginge es darum, einen begehrten Job zu ergattern oder ein Geschäft abzuschließen. Der Gedanke, dass beim Adoptionsprozess Eltern für ein Kind gesucht werden und nicht das vermeintliche Recht der Erwachsenen auf ein Kind im Vordergrund steht, kommt meines Erachtens viel zu kurz.
Außerdem finde ich es nicht gut, dass die Autorin unter ihrem richtigen Namen schreibt und auch die Namen ihrer Kinder nennt. Ich frage mich, wie die Kinder sich später fühlen werden, wenn ihr Leben so öffentlich gemacht wurde.

 

 
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